Das verlorene 17. Jahrhundert
Wo wurde in Bretten in den letzten 7600 Jahren gehandelt? Die Serie ist ein vorsichtig tastender Versuch, die Entwicklungsgeschichte Brettens anhand seiner verschiedenen „Marktplätze“ zu rekonstruieren. Grundlage sind die bisher bekannten Ausgrabungen und Quellen.
30-jähriger Krieg
1618 bis 1648 wütet der 30-jährige Krieg besonders stark in Deutschland. Noch nie zuvor haben sich die Menschen über eine so lange Zeit bekriegt. Eine wesentliche Ursache ist die Reformation, die ganz Europa in Katholiken und Protestanten spaltet. Im Namen Gottes schlägt man sich gegenseitig die Köpfe ein. Bretten gerät zwischen die Fronten und wird von allen Seiten zerrieben. Ständig wechseln die Besatzungen, entweder quartieren sich die katholische Liga, die kaiserlichen Truppen, die Schweden oder die Franzosen ein, und alle Jahre wechselt das. Jedes Mal müssen extrem hohe Abgaben, Kriegssteuern oder Naturalien bezahlt werden. 1644 wird Bretten von den Franzosen besetzt. Sie nehmen sämtliche Pferde, das Vieh, Früchte, Wein und Mobiliar auf 800 beladenen Wagen mit, Bretten muss hungern. Endlose Truppendurchzüge und Einquartierungen belasten die Stadt, sie ist derart ausgeblutet und überschuldet, dass die Bevölkerung 1646 bis auf 150 Bürger schrumpft. Der Westfälische Friede 1648 ist ein Erschöpfungsfrieden. Mehr als eine Generation lang hat man alle Kräfte in diesen Krieg geworfen, alle sind völlig am Ende. Der Westfälische Frieden sichert den Katholiken, Lutheranern und Calvinisten Religionsfreiheit zu (dieses Ergebnis hätte man auch einfacher haben können). In Bretten gibt es hauptsächlich Lutheraner.
Der Sonnenkönig
1672 entbrennt der nächste Krieg, diesmal muss das besetzte Bretten an Ludwig XIV. Kontributionsgelder bezahlen. Die Franzosen können zurückgedrängt werden, Bretten wird von Kaiserlichen besetzt. 1688 bis 1697 beginnt der Sonnenkönig den Pfälzischen Erbfolgekrieg. Bretten wird wieder besetzt und muss einmal mehr bezahlen. Er wird von fränkischen, kursächsischen und bayerischen Truppen zurückgedrängt. Auf dem Rückzug kommt am 18. Januar 1689 der Befehl aus Versailles, Stadtmauer und Häuser von Bretten vollständig zu zerstören. Der Befehl kommt aber zu spät, Bretten ist bereits deutsches Hauptquartier geworden. Der nächste Anlauf der Franzosen erfolgt im Juni 1689. Bretten hat den gesamten 30-jährigen Krieg ohne größere Zerstörungen überlebt, diesmal trifft es die Stadt.
1689 erst das französische Heer
Der französische General Duras erhält im Juni 1689 den Befehl, Bretten und weitere Städte entlang des Rheins abzubrennen und zu schleifen, um dem deutschen Militär alle möglichen Stützpunkte entlang des Rheins zu rauben. Die französische Schifffahrt auf dem Rhein zwischen Kehl und Mannheim soll auf keinen Fall vom deutschen Feind gestört werden können. Unglücklicherweise liegt Bretten in diesem Sicherungskorridor. Am Samstag, dem 13. August 1689, wird Bretten von den Franzosen völlig niedergebrannt. Bis auf die Stiftskirche werden so gut wie alle Häuser zerstört. Die Stadtmauern werden jedoch nicht geschleift, weil das für die Franzosen zusätzliche 10–12 Tage Arbeit bedeuten würde, die General Duras nicht hat. Er möchte zügig weiterziehen. Diese Befehlsverweigerung kostet ihn später sein Amt.
1697 dann das deutsche Heer
Aber es kommt noch schlimmer. Was die Franzosen nicht zerstört haben, wird 8 Jahre später, 1697, von deutschen Truppen nachgeholt. Die Schleifung von Bretten wird vom deutschen Generalstab als eine militärische Notwendigkeit angesehen, denn Bretten hat inzwischen den Franzosen als militärischer Stützpunkt gedient, da es ja noch seine Stadtmauer hat. Bretten muss geopfert werden. Das Wenige, was von Bretten übrig ist, wird nun vom Deutschen Heer zerstört. Nach diesem doppelten Überfall ist Bretten restlos zerstört, keine Häuser, keine Stadtmauer, keine Menschen, nichts. 1689 und 1697 bedeutet für Bretten in seiner langen Geschichte die absolute Stunde Null.
Schutt und Asche
Der Marktplatz ist von abgebrannten Ruinen umgeben, die Straßen sind von Schutt und Asche verstopft. Die Menschen flüchten und suchen ihr Glück woanders, die Stadt ist menschenleer. Bretten hat 1694 nur noch 80 Einwohner. Der Handel reduziert sich auf minimale Tauschgeschäfte, es gibt nichts mehr zum Handeln. Der Marktplatz ist ein einsamer, verlassener Ort. Seit dem Mittelalter besitzt er seine heutige Form, heute ist er aber mit anderen Gebäuden bebaut, denn vom überirdischen Bretten ist 1689/1697 so gut wie nichts übrig geblieben. Nur die Kellergewölbe überleben die Zerstörungen, sie bilden das Fundament für ein neues Bretten 2.0. Auf diesen Strukturen wird die Stadt ganz ähnlich wieder aufgebaut. Was den Württembergern 1504, dem Bauernhaufen 1525 und dem 30-jährigen Krieg nicht gelang, erledigen französische und deutsche Truppen in einer fatalen Kombination 1689 und 1697 umso radikaler. Von dieser doppelten Zerstörung erholt sich die Stadt nur äußerst mühsam. Bis zu seiner nächsten Blüte werden über 150 Jahre vergehen. (Stefan Oehler)
