Landstadt im 18. Jahrhundert
Wo wurde in Bretten in den vergangenen 7600 Jahren gehandelt? Die Serie ist ein vorsichtig tastender Versuch, die Entwicklungsgeschichte Brettens anhand seiner verschiedenen „Marktplätze“ zu rekonstruieren. Grundlage sind die bisher bekannten Ausgrabungen und Quellen.
Ganz allmählich erholt sich Bretten von den Zerstörungen 1689/1697. Schmerzlich ist bis heute der Verlust des städtischen Archivs. Es ist, als ob die Stadt unter Amnesie leidet und sich an nichts mehr vor 1689 erinnern kann. Sie verliert wichtige Verträge, Rechte, Privilegien und Forderungen, denn sie kann nichts mehr dokumentieren und die Schuldner können sich einfach an nichts mehr erinnern. Das sind empfindliche Verluste.
1694 = 80 Bürger in Bretten
1705 = 1043 Bürger
1765 = 1590 Bürger
1783 = 1932 Bürger
1798 = 2318 Bürger
Die neu Zugezogenen wissen nichts von der Stadtgeschichte, man kommt in eine Stadt ohne Vergangenheit. Mühsam versucht man, dieses Puzzle in europäischen Archiven zu rekonstruieren. Ende der 1730er-Jahre wird der alte Name „Brettheim“ durch „Bretten“ ersetzt. Seine Bürger sind seit jeher von Leibeigenschaft befreit, sie können bei wichtigen städtischen Angelegenheiten mitwirken und sogar Beschlüsse von Gericht und Rat per Abstimmung ablehnen. Im 18. Jh. wird die Kurpfalz rekatholisiert. Bretten ist mehrheitlich lutherisch und wehrt sich dagegen. 1705 sind die Bürger zu 13 % katholisch, zu 37 % reformiert (Zwingli und Calvin) und zu 50 % lutherisch. Alle drei Konfessionen müssen sich die Kirche teilen, es gibt Reibereien. Juden gibt es im 16. Jahrhundert nicht, sie siedeln erst wieder im 17. Jahrhundert an. 1797 sind 28 jüdische Familien in Bretten zu Hause.
Marktort
Bretten ist eine einfache Landstadt, seine Bewohner sind Ackerbürger, die politische und wirtschaftliche Entwicklung stagniert. Von 1689 bis Mitte des 19. Jahrhunderts lebt man hauptsächlich von Ackerbau, Weinbau und Viehzucht, Gewerbe ist nur untergeordnet. Weder in der Kurpfalz noch später in Baden gibt es eine Gewerbeförderung. Von den konservativen Zünften sind auch keine Impulse zu erwarten, im Gegenteil. 1778 gibt es lediglich eine Krappfabrik (Färbstoff) und eine Tabakfabrik. Im Laufe des 18. Jahrhunderts erlangt Bretten allmählich wieder Bedeutung als Marktort. Wochenmarkt, Krämermarkt, Viehmarkt, Fruchtmarkt, Schafmarkt und Wollmarkt etablieren sich. Der Weinbau geht jedoch Ende des 18. Jahrhunderts zurück, die Erträge sind recht gering und die Güte ist nicht zum Besten bestellt. Der 1772 genehmigte Fruchtmarkt wird 1806 wieder eingestellt. Bretten entwickelt sich aber zum Mittelpunkt der Schäferei. Noch erfolgreicher ist der 1761 wiederbelebte Viehmarkt, 1846 gibt es zwölf Viehmärkte pro Jahr. Im 19. Jahrhundert ist der Viehhandel die ausschließliche Domäne der Juden, da sie auf den Handel spezialisiert sind.
Rathaus
1480 wurde auf dem Marktplatz als schönstes und höchstes Fachwerkhaus in Bretten das Rathaus vollendet. Es wird zur gleichen Zeit wie die Stadtmauer fertiggestellt und symbolisiert eine wohlhabende Epoche, den Stolz und den Wohlstand der Brettener Bürger. Und es ist eine selbstbewusste Antwort auf das steinerne Amtshaus des Fürsten. Im Erdgeschoss des Rathauses befinden sich Arkaden, im Obergeschoss ein großer Sitzungssaal, der auch als Tanzsaal genutzt wird. Im Erdgeschoss gibt es Bäcker- und Metzgerbänke, also Verkaufsstände, womit das Erdgeschoss wahrscheinlich ein offenes Gewölbe besitzt oder einen offenen großen Fachwerkbau darstellt, der sich über schöne Holzarkaden öffnet. Auf seinem Speicher wird während der Jahrmärkte Tuch- und Pelzwerk gehandelt. Das Rathaus ist der typische Vorgänger des heutigen Kaufhauses. Es dürfte auch einen kleinen Glockenturm haben.
All das brennt 1689 ab. Weder Pläne noch Zeichnungen sind erhalten geblieben. Bis 1787 gibt es nur ein notdürftiges Rathaus, welches im unzerstörten Werkhaus „uff der Neuhoffstatt“ eingerichtet wird. Die vollständige Entschuldung der Stadtkasse über 10.543 Gulden kann erst 1768 erreicht werden. 1785 ist ein kleines Vermögen von 8000 Gulden angespart. Damit kann 1786 der Bau des neuen Rathauses beauftragt werden. Im oberen Stock befinden sich der Sitzungssaal, die Amtsstuben und die Dienstwohnung des Oberschultheißen. Das Erdgeschoss dient wieder als Kaufhaus mit Metzger- und Bäckerschrannen plus einem Raum für den Bürgerarrest. Im Hof stehen eine Scheune für die Feuerspritze und ein Magazin für die Feuerleitern. 1787 sind Rathaus und Amtshaus endlich wieder aufgebaut.
Reiches Spital & Armes Spital
Im Jahr 1463 spendet das Ehepaar Bender in der Weißhoferstraße 1-3 Haus und Scheune für ein Spital. Als Gegenleistung werden sie hier im „Reichen Spital“ im Alter gepflegt und versorgt. Für Bürger ohne Vermögen wird daneben in der Sporgasse das „Arme Spital“ gebaut, welches mit Spenden und Zuschüssen finanziert wird. Beide Spitäler stehen unter der Aufsicht des kurpfälzischen Amtmanns, sie sind die Vorgänger des heutigen Kreiskrankenhauses. Wegen ihrer Spitäler erhalten die Brettener im 15. Jahrhundert den Spitznamen „Spitalmuggen“. Selbst nach dem Stadtbrand 1689 wird der Betrieb nicht eingestellt, bereits Ende 1689 können Kranke aufgenommen werden. Bis 1701 wird das Reiche Spital neu aufgebaut, bis 1721 das Arme Spital.
Im Reichen Spital werden diejenigen Bürger aufgenommen, die wohlhabend genug sind, um das vorgeschriebene „Pfründegeld“ zu bezahlen, d. h., sie vererben dem Spital Grundstücke und Gebäude, das ist der Vorläufer unserer heutigen Kranken- und Pflegeversicherung. Wer nicht genug besitzt, kommt in das Arme Spital. Es dient allen Bürgern ungeachtet ihrer Konfession als Alters- und Siechenheim, Kranken- und Waisenhaus, Armenhaus und Asyl für Obdachlose. Die heutige Zweiklassenmedizin hat hier ihre Wurzeln. Durchreisende Arme und Bettler werden im Armen Spital für eine Nacht beherbergt und verpflegt. Das Reiche Spital wird ab 1772 zum Bürgerspital, das Arme Spital zum Armenhaus. 1802 gibt es jedoch kaum mehr jemanden, der sich in das Reiche Spital hinein pfründen lässt. Zudem ist es in Kriegszeiten dermaßen baufällig geworden, dass es kaum mehr bewohnbar ist. 1806 müssen hier 1200 russische Kriegsgefangene untergebracht werden. Das müssen unvorstellbare Zustände gewesen sein. 1809 wird das Bürgerspital an diesem Standort geschlossen. (Stefan Oehler)
