Teil 7

Die Märkte von Bretten

Die Märkte von Bretten - Teil 01

Bretten wird badisch, 1800 – 1848

Wo wurde in Bretten in den vergangenen 7600 Jahren gehandelt? Die Serie ist ein vorsichtig tastender Versuch, die Entwicklungsgeschichte Brettens anhand seiner verschiedenen „Marktplätze“ zu rekonstruieren. Grundlage sind die bisher bekannten Ausgrabungen und Quellen.

Am 29. September 1802 rückt ein badisches Militärkommando unter Hauptmann von Hoff in Bretten ein, um am Rathaus die kurpfälzischen Wappen gegen die badischen Wappen auszutauschen. „Die Occupation konnte gänzlich mit größter Ordnung beendet werden.“ Nach mehr als 450 Jahren Zugehörigkeit zur Kurpfalz kommt Bretten 1802 zur Markgrafschaft Baden. (Wappen des Großherzogtums Baden, Wappen der Stadt Bretten: Wikipedia)

Ein Kleinod für das Haus Baden

Mit dem Frieden von Luneville 1801 wird Napoleons Neugliederung von Deutschland eingeleitet. Als Grenze zwischen Frankreich und Deutschland wird (einmal wieder) der Rhein definiert. Für die Stadt beginnt mit der Zugehörigkeit zu Baden eine neue Epoche. In den Brettener Quellen lässt sich kein einziger Ausdruck des Bedauerns über das Ende der kurpfälzischen Herrschaft finden. Die Amtsstadt wird mit einem geschätzten jährlichen Reinertrag von 37.000 Gulden und 2369 Einwohnern als Kleinod für das Haus Baden angesehen. Bretten darf das Wittelsbacher Rautenmuster im Wappen weiterführen. Mit dem Ende der napoleonischen Herrschaft, dem Wiener Kongress 1814 und der Gründung des Deutschen Bundes folgt eine lange Friedenszeit. Allerdings muss Bretten Kriegsabgaben in Höhe von 31.980 Gulden begleichen, 1816 und 1817 kommen schlechte Ernten hinzu, die Preise steigen steil an, die Brettener leiden schwer unter Arbeitslosigkeit. 1821 wird Bretten als Bezirksamt zum Mittelpunkt für 23 umliegende Gemeinden. Die Stadtmauer wird bis 1830 samt der drei Stadttore Untertor, Weißhofertor und Gottesackertor vollständig geschleift. Simmelturm und Pfeiferturm bleiben nur deshalb stehen, weil sie noch stabil genug sind und nicht im Wege stehen. Die Entfestigung macht Bretten zu einer offenen Stadt, das ermöglicht nun ganz neue Entwicklungen.

Lebkuchenstadt Bretten

Die Herstellung von Honiglebkuchen und Weihnachtsgebäck wird im 19. Jahrhundert zur Spezialität der „Lebkuchenstadt“ Bretten. Sie sind ein Verkaufsschlager und ein wichtiger Wirtschaftszweig. Mehrere Tausend Zentner Lebkuchen werden jährlich nach Europa und sogar in das entfernteste Ausland versandt. Die Brettener Lebkuchen stehen in direkter Konkurrenz zu denen aus Nürnberg und gelten in ihrer Qualität als ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen. Die Tradition, die im 18. Jh. u.a. durch Christoph Jakob Daler begründet wird, führen im 19. Jahrhundert die lokalen Bäckerfamilien wie Hesselbacher, Wilhelm, Zipperer, Gaum, Lindner und Autenrieth fort. Im späten 19. Jahrhundert können die Brettener Zuckerbäcker dem aufkommenden Konkurrenzdruck der großen, industriell fertigenden Lebkuchenhersteller aus Städten wie Nürnberg nicht mehr standhalten. Der letzte große Lebkuchenbäcker ist bis 1901 Josef Hesselbacher. Mit seinem Tod endet die Tradition Brettens als führende Lebkuchenstadt. Für den Brettener Weihnachtsmarkt wäre es ein Stück eigene Stadtgeschichte, diese Tradition wiederzubeleben.

Links: Holzmodell des Brettener Zuckerbäckers Christoph Jacob Daler aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Rechts: Brettener Springerle-Form mit dem doppelköpfigen Reichsadler von 1753. (Fotos: Stadtarchiv Bretten)

Schäfersprung

Das gesellschaftliche Leben entfaltet sich, viele Vereine werden gegründet und zwei große Volksfeste werden mit Begeisterung gefeiert. Die Tradition des Schäfersprungs am Laurentiustag (10. August) und des Freischießens am Peter-und-Pauls-Tag (29. Juni) reicht bis ins Mittelalter zurück. Am Schäfertag, der zunehmend Schäfersprung genannt wird, finden gleichzeitig Jahrmarkt und Kirchweih statt. Er entwickelt sich zum weithin bekanntesten Brettener Volksfest mit feierlichem Umzug durch die Stadt. Die Schäfer aus der Region treffen sich in ihrer Zunftherberge. Nach dem Gottesdienst findet vor der Stadt der Schäferlauf statt, bei dem die Meistersöhne und Meistertöchter paarweise um die Wette laufen. Der Tag schließt in der Herberge mit Spiel und Tanz. Dort geht es jedoch so ungestüm zu, dass sich alle Gastwirte weigern, ihr Gasthaus als Zunftherberge anzubieten.

Bürgerschießen auf Petri und Pauli

1745 wird beurkundet, dass „auf Petri und Pauli das Bürgerschiessen war“. Schießübungen sind im Ostfrankenreich bereits seit 924 Pflicht, die erste Beurkundung des Auszugs eines bewaffneten Bürgeraufgebots der Stadt Bretten erfolgt 1369. Zu der Zeit wird noch mit Pfeil und Bogen bzw. mit Armbrust geschossen. Eine Schützengesellschaft lässt sich seit 1500 als ältester Verein der Stadt belegen, 1540 gibt es zwischen Gottesackertor und Rinklinger Straße eine Schießhütte. Seit dem 16. Jahrhundert wird ein Schießgeld für das teure Pulver und Blei von der Stadt und dem Herzogtum bezahlt, daher kommt der Begriff „Freischießen“. Durch einen Erlass der Großherzoglich-Badischen Regierung in Karlsruhe wird 1824 das „freiwillige Bürger-Militair-Corps zu Fuß“ errichtet. Diese „Bürgerwehr“ besteht aus 24 Infanteristen. Ihre prächtigen Uniformen sind im napoleonischen Stil, denn Baden ist zu jener Zeit mit Frankreich verbündet. (Das war auch schon anders). Die Bürgerwehr hat bei den Festen „für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung“ zu sorgen, was auch dringend erforderlich ist. 1831 wird vom Freischießen an der Schießmauer berichtet, danach soll der „wohlgeordnete Einmarsch“ zurück in die Stadt erfolgen. Da schon damals kräftig gefeiert wird, ist es abends ein Problem, die Formation einzuhalten. Auch der Eigentümer der Festwiese beschwert sich über heftige „Flurschäden“. 1849, nach der Niederschlagung der Revolution in Baden durch die Preußen, werden Freischießen und Bürgerwehr verboten. 76 Jahre lang fällt das traditionelle Freischießen aus, es gibt lediglich ein Kinderfest, was für die Brettener überhaupt kein befriedigender Ersatz ist. Erst 1925 wird es wieder ein Peter-und-Paul-Fest geben.

Der Marktplatz Anfang des 19. Jahrhunderts. Das alte Fachwerkhaus hinter dem Marktbrunnen in der Melanchthonstraße 1 ist inzwischen verputzt. 1903 wird hier das Melanchthonhaus entstehen. Das Rathaus von 1787 ist links zu erkennen. Dazwischen sind im Rathaus-Hof die Feuerwehr mit Spritze und Leitern untergebracht. (Foto: Stadtarchiv Bretten)

Die „48er Revolution“ in Bretten

Bretten wächst zwischen 1803 und 1910 von 2369 auf 5052 Einwohner an. In dieser Zeit gibt es 250 jüdische Einwohner, die 1822 eine Synagoge bauen. Bretten ist im brodelnden Deutschland weit entfernt von einer revolutionären Hochburg. Die demokratische Revolution von 1848 entlädt sich in Bretten völlig undemokratisch in einem Pogrom gegen die Juden, die den Handel und speziell den Viehhandel in Bretten aufgebaut haben. Man ist neidisch auf die erfolgreichen Händler. Die verschuldeten Brettener vernichten bei diesen Krawallen ihre Schuldscheine. Die Juden ziehen vor Gericht und erhalten endlich ihre Bürgerrechte, für die sie schon lange kämpfen, bis diese 1935 von den Nationalsozialisten ihnen wieder entzogen werden. (Stefan Oehler)

Bretten um 1825, von Johann Georg Schick. Das stattliche Amtshaus ist links neben der Stiftskirche zu erkennen. Der fehlende Helm auf dem Pfeiferturm wird erst 2009 wieder aufgesetzt und die Stiftskirche trägt noch einen Zwiebelturm.
Bretten um 1831: Das Freischießen findet an der Schießmauer vor den Toren der Stadt Bretten statt, etwa dort, wo heute der Peter-und-Paul-Lagerschuppen neben den Bahngleisen steht.
Bretten um 1840: Der Simmelturm verliert um 1880 seinen spitzen Turmhelm und wird seither mit einem provisorischen Dach geschützt. (Alle drei Repros: Stadtarchiv Bretten)